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Feedback geben im Mitarbeitergespräch: Was ein gutes Gespräch ausmacht – und wo die eigentliche Arbeit beginnt

  • Autorenbild: Svenja Reiniger
    Svenja Reiniger
  • 19. Apr.
  • 7 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 6 Tagen

„Oh nein, schon wieder." – Diesen Gedanken kennen viele Führungskräfte, wenn der Kalender sie daran erinnert, dass Mitarbeitergespräche anstehen. Termine finden, vorbereiten. Das Gegenüber will vermutlich ohnehin wieder eine Gehaltserhöhung, die nicht drin ist. Und was sagt man sonst?


Auf der anderen Seite des Tisches sieht es nicht besser aus. „Was will sie diesmal?", "Wird er mir irgendetwas ankreiden? Ich weiß sowieso, dass ich hingehalten werde."


Wenn beide Seiten so in ein Gespräch gehen, ist das kein Zufall. Es ist ein Hinweis darauf, dass etwas grundlegend schief läuft – nicht kurz vor oder im Gespräch selber, sondern in dem, was davor passiert. Oder eben nicht passiert.


Dabei könnte Mitarbeitergespräche etwas ganz anderes sein: ein Moment, in dem sich zwei Menschen auf Augenhöhe begegnen und offen darüber sprechen, welchen Beitrag beide für Weiterentwicklung leisten, was sie dafür brauchen, was sie antreibt und was vielleicht gerade ausbremst.


Dass das so selten so ist – darum geht es in diesem Artikel.



Das Wichtigste in Kürze


  • Mitarbeitergespräche entfalten wenig Wirkung, wenn Feedback im Alltag fehlt und das Gespräch kompensieren muss, was vorher nicht geklärt wurde.


  • Gutes Feedback ist konkret, benennt Wirkung und lässt die Perspektive des Gegenübers wirklich zu.


  • Feedback ist keine Einbahnstraße – auch die Feedback nehmende Person ist aktiv: Sie kann nachfragen, einbringen, zurückmelden.


  • Vertrauen entscheidet darüber, ob Feedback ankommt – und das entsteht nicht im Gespräch selbst, sondern in den Wochen und Monaten davor.


  • Führung zeigt sich zwischen den Gesprächen: Das Mitarbeitergespräch macht nur sichtbar, was im Alltag gelebt wird – oder was fehlt.





Alle machen Mitarbeitergespräche – und trotzdem bleibt oft wenig Wirkung


Mitarbeitergespräche sind in den meisten Organisationen fest etabliert. Es gibt Leitfäden, Vorbereitungsbögen, manchmal ganze Zielsysteme. Feedback gilt als zentrales Führungsinstrument – und kaum jemand würde ernsthaft bestreiten, dass es wichtig ist.


Und trotzdem: Viele Führungskräfte kennen das Gefühl, dass ein Gespräch gut gelaufen ist – und im Alltag danach trotzdem wenig anders wird. Keine spürbare Veränderung, keine neue Energie, manchmal nicht einmal eine Erinnerung an das, was besprochen wurde.


Woran liegt das? Selten an mangelnder Vorbereitung und auch nicht am Mitarbeitenden. Meistens daran, dass das Gespräch etwas leisten soll, was sich nicht in einem Termin erledigen lässt. Dabei könnte Feedback geben im Mitarbeitergespräch etwas ganz anderes sein.



Was ein gutes Feedbackgespräch ausmacht


Bevor es um die tieferen Ursachen geht, lohnt ein kurzer Blick auf das Handwerk. Denn auch wenn Haltung mehr entscheidet als Technik – ein paar Grundlagen machen den Unterschied zwischen einem Gespräch, das etwas bewegt, und einem, das folgenlos bleibt.


Vorbereitung ist der Schlüssel


  1. Konkrete Situationen, keine allgemeinen Eindrücke.

„Du bist unzuverlässig" ist kein Feedback. „Im letzten Projektmeeting hast Du Dich dreimal ausgeklinkt, bevor eine Entscheidung gefallen ist" – das ist eines. Konkretheit macht Feedback nachvollziehbar.


  1. Wirkung beschreiben, nicht nur Verhalten aufzählen.

Was hat das Verhalten ausgelöst – im Team, im Projekt, bei Dir als Führungskraft? Wer nur benennt, was jemand getan hat, gibt eine Beobachtung weiter. Wer auch die Wirkung beschreibt, gibt dem Gegenüber etwas, womit man arbeiten kann.


  1. Reaktion zulassen – und ernst nehmen.

Feedback ist kein Monolog. "Was denkst Du darüber?", "Wie hast Du die Situation erlebt?". Wer das nicht fragt, erfährt vielleicht nie, dass es einen blinden Fleck auf der eigenen Seite gibt.


  1. Blick nach vorn.

Gutes Feedback endet nicht mit einer Bewertung, sondern mit einer Frage: Was soll sich verändern? Was braucht die Person dafür? Wohin soll es gehen?



Feedback geben ist kein Termin, sondern Alltag


Hier liegt einer der häufigsten Fehler: Feedback wird aufgespart. Beobachtungen werden gesammelt, Themen werden verschoben – bis das Mitarbeitergespräch kommt. Dann soll in 90 Minuten aufgearbeitet werden, was sich über Monate angestaut hat.


Das überfordert das Format. Und es überfordert beide Seiten.


Kritik, die Monate zurückliegt, wirkt konstruiert. Lob, das lange aufgehoben wurde, klingt nachgereicht. Und Themen, die eigentlich sofort Klärung gebraucht hätten – eine verpasste Deadline, ein schwieriges Kundengespräch, ein Konflikt im Team – verlieren nicht ihre Relevanz, aber ihre Bearbeitbarkeit.


Das Mitarbeitergespräch ist kein Ort, um Versäumtes nachzuholen. Es ist ein Ort für Orientierung, Entwicklung und gemeinsamen Blick nach vorn. Gallup-Forschung zeigt: Mitarbeitende, die regelmäßig bedeutungsvolles Feedback erhalten, sind deutlich engagierter – und wöchentliche Gespräche von 15 bis 30 Minuten wirken stärker als ein einziges langes Jahresgespräch.


Feedback als Führungsaufgabe heißt deshalb: zeitnah rückmelden, was auffällt. Direkt ansprechen, was irritiert. Nicht warten auf den richtigen Moment – sondern den Alltag selbst als den richtigen Moment begreifen.



Vertrauen entscheidet darüber, ob Feedback ankommt


Selbst das handwerklich beste Feedback verpufft, wenn die Arbeitsbeziehung es nicht trägt.


Ob jemand Feedback wirklich annehmen kann – nicht nur nickt, sondern innerlich zuhört – hängt weniger vom Inhalt ab als von der Frage:


  • Fühle ich mich hier sicher genug, um das zu hören?

  • Traut mir diese Person grundsätzlich etwas zu?

  • Geht es hier um meine Entwicklung – oder um Kritik um der Kritik willen?


Diese Fragen beantwortet kein Gesprächsleitfaden. Sie beantworten sich in den hundert kleinen Momenten davor: Wie wird mit Fehlern umgegangen? Wird nachgefragt, wie es jemandem geht – und zwar ehrlich? Wird Leistung wahrgenommen, bevor sie eingefordert wird?


Wenn Vertrauen bereits beschädigt ist und Spannungen im Team spürbar werden, lohnt ein frühzeitiger Blick auf Konflikte im Team – bevor sie sich festigen.


Vertrauen entsteht nicht im Mitarbeitergespräch. Vertrauen ist die Basis, die durch die tägliche Zusammenarbeit gelegt wird und die ist entscheidend dafür, was im Gespräch möglich ist. Googles Forschungsprojekt Project Aristotle kam zu demselben Ergebnis wie Amy Edmondsons Forschung: Ob sich Teammitglieder sicher genug fühlen, offen zu sprechen, war der stärkste Prädiktor für Teamleistung – stärker als jede andere Variable.



Feedback ist keine Einbahnstraße


Viele von uns haben Feedback als einseitigen Vorgang kennengelernt. In der Schule kam Rückmeldung von der Lehrkraft. Im Beruf von Vorgesetzten. Die Richtung war klar: von der Autorität zur Person, die zuhört und sich anpasst.


Dieses Bild hält sich hartnäckig – und es schadet.


Denn wer Feedback nur als Empfangende versteht, bleibt passiv. Wartet. Nimmt hin. Dabei hat auch die Person, die Feedback bekommt, eine aktive Rolle: Sie kann nachfragen, wenn etwas unklar ist. Sie kann ihre Perspektive einbringen. Sie kann sagen, was sie braucht, um sich weiterzuentwickeln. Sie kann auch selbst rückmelden – an die Führungskraft.


Das setzt voraus, dass diese Möglichkeit überhaupt besteht. Und das ist Aufgabe der Führungskraft: nicht nur Feedback zu geben, sondern eine Kultur zu schaffen, in der es in beide Richtungen fließen kann. Das bedeutet, selbst Feedback anzunehmen – offen, ohne Verteidigung. Es bedeutet, nachzufragen: „Was brauchst Du von mir, damit Du gut arbeiten kannst?" Und es bedeutet, ehrliche Antworten darauf wirklich zu wollen. Wenn Du merkst, dass Dir genau das schwerfällt, ist das ein klassisches Thema im Leadership-Coaching.


Gutes Feedback ist keine Technik. Es ist das Ergebnis einer Arbeitsbeziehung, in der beide Seiten sprechen dürfen – und beide zuhören.


Wer tiefer einsteigen möchte: Der Fühlungsqualitäten-Podcast von Neue Narrative beleuchtet in dieser Folge, warum Feedback, Leistungsbeurteilung und Konfliktgespräch so oft verwechselt werden – und was wirklich gutes Feedback ausmacht.



Führung zeigt sich zwischen den Gesprächen


Das Mitarbeitergespräch ist kein Neustart. Es ist ein Spiegel.


Es zeigt, wie Kommunikation im Alltag läuft. Ob Erwartungen klar ausgesprochen werden – oder ob alle irgendwie wissen, was gemeint ist, ohne dass es je jemand gesagt hat. Ob Spannungen früh angesprochen werden oder sich ansammeln, bis sie sich in einem Gespräch entladen.


Führungskräfte, die im Alltag klar kommunizieren, zeitnah rückmelden und Vertrauen aufbauen, erleben Mitarbeitergespräche als das, was sie sein sollen: ein Moment aufrichtiger Auseinandersetzung, auf den sich beide freuen können. Führungskräfte, die das nicht tun, erleben sie als Aufräumarbeit.


Die eigentliche Arbeit beginnt nicht mit dem Gespräch. Sie beginnt in den Wochen und Monaten davor – in den kurzen Rückmeldungen nach einem Meeting, im Nachfragen nach einem schwierigen Projekt, im Ansprechen von Dingen, die auffallen, bevor sie zum Problem werden.


Wer das kultiviert, macht aus dem Mitarbeitergespräch kein Pflichtprogramm. Sondern einen Moment, auf den beide sich freuen können. Wenn Du das strukturierter angehen möchtest, ist Teamentwicklung ein sinnvoller nächster Schritt – genau dort arbeiten wir an diesen Grundlagen.




FAQ - Feedback geben im Mitarbeitergespräch


Warum wirken Mitarbeitergespräche oft nicht nachhaltig?

Weil sie häufig kompensieren sollen, was im Alltag nicht passiert ist. Wenn Feedback nur einmal im Jahr fließt, ist das Gespräch überladen – mit aufgestautem Lob, aufgestauter Kritik und Themen, die längst hätten geklärt werden sollen. Nachhaltigkeit entsteht nicht durch bessere Gesprächstechnik, sondern durch eine kontinuierliche Feedbackkultur im Alltag.


Was macht Feedback konkret – und warum ist das so wichtig?

Konkretes Feedback bezieht sich auf beobachtbare Situationen und benennt die Wirkung des Verhaltens. Allgemeine Eindrücke wie „Du könntest proaktiver sein" lösen selten etwas aus – weil unklar bleibt, was sich genau verändern soll und warum.


Wie oft sollte ich als Führungskraft Feedback geben?

So oft, dass das Mitarbeitergespräch keine Überraschungen mehr enthält. Feedback gehört in den Alltag – nach Meetings, nach Projekten, nach schwierigen Situationen. Nicht als aufwändiges Format, sondern als kurze, direkte Rückmeldung im richtigen Moment.


Was hat Vertrauen mit Feedback zu tun?

Alles. Ob Feedback ankommt, hängt weniger vom Inhalt ab als davon, ob das Gegenüber der Führungskraft grundsätzlich etwas zutraut – und ob es sich sicher genug fühlt, ehrlich zu antworten. Dieses Vertrauen entsteht nicht im Gespräch selbst, sondern in den vielen kleinen Momenten davor.


Feedback ist doch Aufgabe der Führungskraft – warum soll ich als Mitarbeitende Person aktiv sein?

Weil passives Zuhören selten zu echter Entwicklung führt. Wer nachfragt, wenn etwas unklar ist, die eigene Perspektive einbringt und sagt, was gebraucht wird, macht aus einem Feedback-Monolog ein echtes Gespräch. Führungskräfte, die das fördern, schaffen eine Feedbackkultur – keine Feedbackveranstaltung.


Was, wenn mein Gegenüber Feedback defensiv aufnimmt?

Das ist meist ein Hinweis darauf, dass Feedback bisher vor allem als Kritik erlebt wurde – oder dass das Vertrauen noch nicht gewachsen ist. Hilfreich ist es dann, zunächst die Perspektive der anderen Person zu verstehen, bevor man die eigene Beobachtung wiederholt. Und langfristig: konsequent zeigen, dass Rückmeldung der Entwicklung dient – nicht der Bewertung.




Über die Autorin


Svenja Reiniger – Leadership-Coachin, Mediatorin und Teamentwicklerin in München

Svenja Reiniger ist Leadership-Coachin, Mediatorin und Teamentwicklerin mit Fokus Führungskräfte- & Organisationsentwicklung. Sie war viele Jahre in einer Strategieberatung sowie in leitenden Funktionen tätig, u.a. in der Medizintechnik.


Heute arbeitet sie mit Führungskräften und Teams an der Frage, wie Führung, Entscheidungen und gute Kommunikation in komplexen Arbeitswelten gelingen können. Seit 2023 gibt sie dieses Wissen auch in Workshops am Career Center der Hochschule München weiter. Zudem ist sie Partnerin im "Netzwerk neue Arbeit" des Magazins Neue Narrative.


In diesem Blog schreibt sie über Führung – und über die Themen, die Führungskräfte oft ausklammern oder die nach wie vor tabuisiert sind: Selbstzweifel, Unsicherheit, Introvertiertheit in der Führung sowie Konflikte.

 
 

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